Wool work

Mit Leidenschaften ist das so eine Sache, meistens sind sie heiß und kurz, aber genauso schnell wieder vorbei wie sie gekommen sind. Manchmal könne sie aber auch schnell in eine Sucht ausarten, besonders wenn man 'Material' dafür auf dem Silbertablett nachgeliefert bekommt. So ist es zur Zeit bei mir mit dem Stricken. Letzte Woche habe ich schon wieder Wolle bestellt, und das obwohl die Kisten noch gut gefüllt sind und ich froh war sie halb leer bekommen zu haben. Nur leider finde ich, seit ich Mitglied bei ravelry bin, viele schöne neue Muster für Mützen, Pullover, Stulpen usw. In der Leitung sind schon ein Pulli für mich (die Wolle liegt schon ewig da), eine original Island-Kaputzenstrickjacke für Robert (die Wolle habe ich vor zwei Wochen in einem wunderschönen Laden in Dresden erstanden), je ein paar Hausschuhe für uns beide und eine Weste mit Zopfmuster für mich - ganz abgesehen von diversen Handschuhen und Stulpen, denn der Winter ist ja bald wieder vorbei ...
Meine Schwägerin konnte ich mit neuen Stulpen aus pommerscher Wolle beglücken; und auch mein Neffe wird sich freuen, wenn er denn bald auf die Welt kommt, denn dann werden seine Eltern ein Paket mit wunderhübschen Stricksachen erhalten, unter anderem die Schuhe und einen Overall, den/die man auf den Fotos schon (teilweise) bewundern kann. Mal sehen wie lange die Leidenschaft noch lodert, zumindest ist für Nachschub and 'Rohmaterial' schon gesorgt ...
li oben: Babyschuhe, li unten: Stulpen für meine Schwägerin, re oben: Norwegerhandschuh, re unten: Knopf am Overall für meinen Neffen

Burn-Out-Philosopphie II oder die Mär von der verlorenen Zeit

Das neuerliche Interesse der Medien an den Arbeitsbedingungen von uns Ärzten muss ich gleich  wieder einmal als Anlass nehmen um meine 'eu gestartete 'Beitragsreihe' weiterzuführen. Als kleine Empfehlung kann ich den Beitrag vom ZDF schon geben, aber viel wird  verschwiegen, oder gehässig gesagt einfach mal so unter den Tisch gekehrt. Freundlicherweise werden die Dienste (die auch der KV-Arzt machen muss) mit keinem Wort erwähnt. Vielleicht sind sie auch nach Verlassen der 48h-Schichten als nicht mehr medienwirksam genug aus dem Beitrag gestrichen worden, aber ich möchte trotzdem gern ein oder zwei (oder auch mehr) Worte darüber verlieren. 
Dienste sind in meinem Freundes-oder Verwandtschaftskreis mittlerweile eine mehr oder minder gut entschuldigte Form des Fehlens. Geburtstagsfeier der Oma - Wo ist die Ina? Ach so, die hat Dienst. Gemütlicher Grillabend bei Freunden.Wo ist die Ina? Ach so, die hat Dienst. Konzert am Samstag, wer möchte mitkommen? Ne, die Ina kann nicht, die hat Dienst. Zum Glück hat es sich in meinem Bekanntenkreis mittlerweile herumgesprochen, dass mit mir geplante Aktivitäten mindestens einen Monat vorher angekündigt werden, damit ich sie in den Dienstplan einbauen kann, und zum Glück kann ich dabei auf einen milden 'Dienstplaner' zählen, der bis jetzt immer alle Wünsche möglich gemacht hat. Bei meiner Familie klappt das mit der Planung leider nur zu fünfzig Prozent. Über die dadurch verpassen Jubiläen ärgere ich micht nicht so sehr wie über den Fakt, dass ich dann oft auch nicht dazu komme, zu gratulieren (oder es einfach vergesse).
Etwas, worüber man im Dienst dann nachzudenkt, ist Zeit, vielleicht auch weil man davon so wenig hat. Besonders deutlich wird dass, wenn man darüber akribisch Buch führen muss, so wie die letzten drei Monate. Unsere Verwaltung wollte eine genau Aufzählung über unsere im Dienst ausgeführten Tätigkeit, und da ist es mir öfters passiert dass ich mir dachte "Was genau hast du eigentlich alles in den letzten zwei Stunden gemacht?" Unterm Strich kamen von den 16 Dienststunden pro Dienst je nach Arbeitsbelastung 3 bis 9 Stunden reine Arbeitszeit (und am Wochenende bei 24 Stunden Dienst bis 16 Stunden Arbeitszeit) heraus. Das hört sich nicht viel an, aber dazu sei gesagt dass man ja wochentags vorher schon acht Stunden gearbeitet hat; und 3 Stunden Arbeistzeit können sich auch auf sechs mal eine halbe Stunde im Abstand von 15 Minuten verteilen, gerne auch mal ab zwei Uhr nachts ... Dinge die sich dann gut dazwischen erledigen lassen sind Mittag essen, Entlassungsbriefe schreiben oder (aber nur vor 22 Uhr) Angehörigengespräche führen.
Ich wundere deswegen  mich nicht mehr, wenn ich selbst nach 'leichten' Diensten totmüde am anderen Tag  ins Bett falle und bis nachmittags schlafe. Ich ärgere mich oft darüber, diese Freizeit im wahrsten Sinne des Wortes zu verschlafen, aber mein Geist kann den Körper auch nur in einem bestimmten Maß wach halten. Auf Party-Training kann ich da nicht zurückgreifen, zum Glück bin ich eine Nachteule und spätes Arbeiten fällt mich nicht allzu schwer. Es ist aber auch ein paar Mal vorgekommen, dass ich beim Schreiben fast eingschlafen und mit dem Kopf auf dier Tischplatte gelandet wäre (das war halb fünf Uhr früh). Zum Glück kann ich noch gut abschlalten und falle hinterher todmüde ins Bett. 
Ich wollte eigentlich einmal ausrechnen, wieviel Zeit ich bisher mit Diensten 'verloren' habe (inclusive des 'Nachschlafes'), aber ich habe es dann gelassen. In dieser Zeit hätte ich bestimmt viele (nicht Fach)bücher lesen und diesen Blog mit noch mehr Inhalt füllen können.
Zum Glück wissen meine Patienten meistens nichts von diesem Zustand. Ich muss sie dann enttäuschen wenn sie nachts einen ausgeruhten Arzt erwarten, der in der Notaufnahme geduldig auf Patienten wartet, und wenn sie nachts wegen seit drei Tagen anhaltenden Kopfschmerzen aufschlagen und fragen: "Oh, habe ich sie etwa geweckt?", möchte ich gerne sagen "Ja, leider", aber das mache ich nicht, denn meistens ist es weit zum Hausarzt und die Ratlosigkeit groß (aber die schlechte Hausärzte-Lage steht noch auf einem ganz anderen Blatt). Etwas makaber sind auch die nachmittäglichen Rundgänge wo mir meine Patienten einen schönen Feierabend wünschen und ich sage: "Nein, ich muss bis morgen früh dableiben." Pat.: "Ach, dann haben sie also Nachtschicht?" Ja, die bleibt nicht aus. Wenn ich also gelegentlich Freunde, Bekannte oder Verwandte auf der Straße nicht grüße, Anrufe ignoriere oder auf mails nicht antworte, versuche ich bestimmt die Schatten der Nachtschicht von mir abzuschütteln. In diesem Sinne, eine gute Nacht.