Nachdem sich (zum Glück) mal wieder keiner finden wollte, die Gunst der Stunde zu nutzen und der Einladung unseres Pharma-Vertreters zu folgen, war ich die Glückliche, die dieses (verlängerte) Wochenende nach München zum europäischen Nephrologenkongress fliegen durfte. Diesmal wollte ich aber nicht Stunden im Zug verbringen, sondern nutzte den Luxus des Fliegens ... von Dresden selbstverständlich. Dummerweise darf man keine Stricknadeln in den Flieger mitnehmen, also konnte ich nicht an meiner Mütze weiterarbeiten. Ich stellte fest, dass Lufthansakaffee im Flugzeug widerlich schmeckt, also lieber den Tomatensaft nehmen ... Der Transfer, welches leider sehr weit außerhalb vom Zentrum lag, erfolgte mit dem Bus nachdem eine Hostess uns mit dem Schild winkend in der Halle in Empfang genommen hatte (juhu, auch ich bin mal einem der Schilder nachgelaufen). Auf dem Weg zum Hotel fiel mir ein merkwürdiges Phänomen auf, welches ich schon bei unseren letzten Autobahnfahrten stirnrunzelnd bemerkt hatte: Autobahngaffer. Auf den Brücken oder unter ihnen, mit Klappstuhl, Kühlbox und Sonnenschirm sitzen sie und starren auf den vorbeirauschenden Verkehrsstrom. Was finden diese Leute so toll daran, luftverpestendende laute Fortbewegungsmittel zu beobachten? Ein neuer perfider Freizeitsport, dessen Sinn sich mir nicht erschließt. Vermutlich Big Brother für Arme.
Das Publikum im Bus war sehr illuster, man möchte meinen Nephrologen wären alle Mitte 50jährige Männer mit Halbglatze im Anzug die schnelle Autos fahren und gar nicht so schnell das Geld ausgeben können wie sie es verdienen. Vermutlich handelt es sich aber nur um die Negativselektion die bei einem Kongress immer unweigerlich auftritt. Laut Pharmavertreter ist es bei den Kardiologen noch schlimmer - kann ich mir nicht wirklich mehr vorstellen wie das gehen soll, aber für möglich halte ich es durchaus. Das Hotel lag mittem im beschaulichen Städtchen Unterschleißheim - auf der einen Seite Autobahn, auf der anderen Industriegebiet und mittendrin zwei Tagungshotels. Da der Abend nach einer ersten Visite des Kongresszentrums zur freien Verfügung stand und die Münchner Innenstadt eine gute halbe Stunde S-Bahn-Fahrt entfernt war, entschloß ich mich im Hotelzimmer zu dinieren. Die Auswahl an Einkaufsmöglichkeiten war ja ausreichend vorhanden, ich hatte die Wahl zwischen meinen guten Freunden Kaufland, Aldi, Lidl und Penny - Subway und McDonalds hätten mich bestimmt auch mit einer fertigen Mahlzeit versorgt.
Im Vergleich zu den anderen Kongresszentren die ich schon besucht habe wirkt München noch eine Spur größer und unübersichtlicher; die Umgebung recht manierlich mit einer großen Parkanlage und einem Einkaufszentrum in der Nähe. Der Kongreß überschlug sich selbst mit unverständlichen Themen, wobei auch einige sehr interessante für Nicht-Nephrologen dabei waren; einer noch aufgeblaseneren Industrieausstellung die von Werbeartikel nur so strotzte und und Anglizismen die zum Himmel schrien. Etwas ganz Absurdes hatten die Pharmaunternehmen auf Lager, so genannte 'Lunch-Symposien', bei denen man während man in sein labberiges Sandwich biss den Ausführungen der vom jeweiligen Unternehmen gesponserten Redner lauschte. Die durften zum Glück nicht dabei essen. Von den ohrensträubenden Bezeichnungen 'hospitality desk' und 'hospitality suite' möchte ich lieber schweigen. In letzterer gab es auch etwas zu essen, diesen Service nahm ich dann am Sonntag in Anspruch. Ein lauwarmes asiatisches Gericht und zwei Crepes später saß ich dann in einer Konkurrenzveranstaltung, wo mir die Ohren noch von den teilweise abstrusen Gesprächen, die dort geführt wurden dröhnten. Ehrlich, es gibt kaum einen besseren Ort für Sozialstudien - zumindest kam ich zu dem Schluß dass eine 'Affäre' um zu einem Kongress eingeladen zu werden, für mich genug Beziehung zur arzeneimittelpruduzierenden Branche ist.
Eine nette Anekdote zum Thema Anglizismen passierte am Anreisetag. Ein schon älteres Ehepaar aus der Gruppe (vermutlich beide Ärzte), sehr herausgeputzt gekleidet, unterhielt sich in der Hotellobby vor meiner Nase. Er hatte sein Kofferschloß zugemacht aber den Schlüssel für eben dieses Schloß nicht mit und kam deshalb nicht an seine Sachen. Wir mußten auf unsere Zimmer warten, also bemerkte seine Frau: "Sonst frag' doch mal derweile ob die hier nicht einen vom Engineering haben der dir das (Schloß) aufmachen kann." Früher sagte man glaube ich Hausmeister dazu...
In München unterwegs gewesen bin ich auch ein bißchen, leider konnte ich keinen der von mir favorisierten lukullischen Tempel in Augenschein nehmen. Da ich aber a) einen Reiseführer gekauf habe und b) München schon reizvoll ist, werde ich sicherlich noch einmal zurückkommen. Jetzt steht aber erst einmal unsere Reise nach Norwegen an, das erste Trekking überhaupt. Wenn mich die Mücken nicht aufgefressen haben, melde ich mich auch brav zurück, vielleicht auch mal wieder mit einer Frischekur für das Blogdesign. Schönen Sommer!
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